Gendergerechte Sprache vor Gericht

Notwendig und überfällig ist innerhalb der Rechtswissenschaft die Debatte über eine gendergerechtere Sprache.
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Notwendig und überfällig ist innerhalb der Rechtswissenschaft die Debatte über eine gendergerechtere Sprache. Die Forderung nach einer gendergerechteren Sprache umfasst dabei nicht nur die rechtswissenschaftliche Methodik, den Gesetzeswortlaut und andere rechtswissenschaftliche Texte, sondern oftmals in einem ersten Schritt, da besonders praxisrelevant, die vor und vom Gericht genutzte Sprache.

Kritiker:innen lehnen die Forderungen nach gendergerechterer Sprache vor Gericht oftmals mit der Behauptung ab, diese führe nicht nur zu Verzögerungen im Prozessverlauf, sondern sei darüber hinaus eine Gefahr für das wichtigste Werkzeug von Jurist:innen – eine Gefahr für die klare Sprache.

Bereits die These, dass es zu Zeitverzögerungen, beispielsweise bei der Erstellung der Anklageschrift oder polizeilicher Vernehmungsprotokolle, durch die Nutzung gendergerechterer Sprache komme, hält einer näheren Überprüfung nicht stand. Oftmals wird von Kritiker:innen nicht bedacht oder nicht verstanden, dass die Forderung nach einer gendergerechten Sprache nicht zur Folge haben soll, dass jede Person in jeder Situation geschlechtsneutral angesprochen werden soll. Diskriminierend ist es auch, die eindeutige Zuordnung zu einem Geschlecht durch Sprache zu negieren. Sofern sich beispielsweise die angeklagte Person dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zuordnet, so muss oder sollte eben nicht – wie oftmals befürchtet – von „der/die Täter*in“ gesprochen werden. Weiterhin dürfte die Feststellung der gewünschten Anrede der Prozessbeteiligten in der Regel nur einmal notwendig sein. Schon zu Beginn des (Ermittlungs-) Verfahrens führt es weder zu den befürchteten Verzögerungen noch zu linguistischen Verrenkungen, wenn beispielsweise Polizeibedienstete im Rahmen der ersten Befragungen zeitgleich mit der Feststellung der Personalien auch die gewünschte Anredeform abfragen und in der Akte vermerken. Wenn die Abfrage einmal erfolgt ist, hat die weitere Nutzung dieser konkreten Anredeform (inklusive Nutzung der korrespondierenden Pronomen) in den nachfolgenden Verfahrensstadien keinen zeitlichen Mehraufwand zur Folge. Die nachfolgenden Protokolle, Anklageschriften oder Urteile können entsprechend ausformuliert werden.

Die gegen eine gendergerechtere Sprache vor Gericht oftmals angeführten Beispiele sind dementsprechend vollkommen ungeeignet, um die vermeintliche Gefahr durch eine gendergerechte Sprache, die Furcht vor dem Binnen-I oder dem Gendersternchen zu begründen.

Aber worum geht es dann, wenn eine gendergerechtere Sprache in der Justiz gefordert wird? In welchen juristischen und justiziellen Kontexten ist es notwendig, eine gendergerechtere Sprache zu fordern?

Es ist ein Irrglaube, dass das generische Maskulinum zu einer klareren Sprache führt. Das Gegenteil ist der Fall: Zahlreiche Studien belegen, dass es zu einer engen gedanklichen Assoziation von Genus und Geschlecht kommt.
Werden Personen beispielsweise nach „einem Romanhelden“ gefragt, werden deutlich weniger Frauen genannt als wenn nach „einem Romanhelden oder einer Romanheldin“ gefragt wird. Auch für das Leseverständnis und die Erinnerung ist das generische Maskulinum nicht von Vorteil. So gaben die männlichen Teilnehmer einer Studie aus dem Jahr 2007 zwar an, die Textversion mit dem generischen Maskulinum zu bevorzugen. Bei den anschließenden Fragen zum Leseverständnis schnitten die Teilnehmer bei dieser Version aber am schlechtesten ab. Deutlich bessere Ergebnisse wurden bei den Textversionen erzielt, die gendergerechte Bezeichnungen aufwiesen.

Zu mehr „Klarheit“ im Sprachgebrauch führt das generische Maskulinum demnach nicht. Wie soll es das auch? Das Maskulinum wird in der deutschen Sprache sowohl als generische Form als auch als spezifisch geschlechtsgebundene Form verwandt. Es gibt keine konsistenten Regeln, die bestimmen, wann eine maskuline Form das eine (nur Männer, keine Frauen) oder das andere (Männern und Frauen) bedeutet.

Das generische Maskulinum ist damit weder der Klarheit der Sprache noch dem Leseverständnis zuträglich. Vielmehr führt dessen Gebrauch dazu, dass Frauen (sprachlich) nicht sichtbar sind und offensichtlich sogar dazu, dass die bloße Forderung nach der gleichberechtigten Berücksichtigung der weiblichen Form im (justiziellen) Sprachgebrauch als Gefahr für eine klare Sprache begriffen wird.

Glücklicherweise machen gesellschaftlicher Fortschritt und Wandel nicht vor den Toren der Justiz halt. „Die Juristen“, von denen gerne gesprochen wird, werden immer weiblicher. Die Ausbildungsstatistik des Bundesministeriums für Justiz zeigt, dass im Jahr 2018 58,1 % der erfolgreichen Kandidaten und Kandidatinnen in der Ersten Juristischen Prüfung Frauen waren. 2016 waren 44,45 % der Richterschaft weiblich, Tendenz weiterhin steigend. Diese Entwicklung sollte allen Juristinnen und Juristen vor Augen führen, dass eine Auseinandersetzung mit der Thematik „Gendergerechte Sprache in der Rechtswissenschaft“ nicht nur notwendig, sondern unumgänglich ist.

In einer aktuellen Entscheidung zum Personenstandsrecht hat das Bundesverfassungsgericht (1BvR 2019/16) die Geschlechtsidentität als Kern des Selbstverständnisses und der gesellschaftlichen Wahrnehmung der Person und damit als Teil des allgemeinen Persönlichkeitsrechts anerkannt. Die Rechtspflege muss dies als Aufgabe verstehen, den Schutz der Geschlechtsidentität auch in seiner alltäglichen Arbeit umzusetzen. Dieser Schutz endet nicht mit der Anerkennung von Frauen, sondern muss auch bedeuten, dass Menschen, die sich außerhalb des vorherrschenden binären Geschlechtssystems begreifen, diskriminierungsfrei an- und besprochen werden. Eine gendergerechte Sprache ist dabei von entscheidender Bedeutung. Sprache ist nicht nur Werkzeug von Juristinnen und Juristen, sondern auch ein Werkzeug der Gesellschaft. Sprache ist Macht. Sprache bestimmt auch über gesellschaftliche Sichtbarkeit und Teilhabe.

Dieser Beitrag ist in leicht geänderter Fassung in der djbZ 4/2020, 181 f. erschienen.

 


¹ Stahlberg, Dagmar; Sczesny, Sabine (2001). Effekte des generischen Maskulinums und alternativer Sprachformen auf den gedanklichen Einbezug von Frauen.

² Braun, Friederike; Oelkers, Susanne; Rogalski, Karin; Bosak, Janine; Sczesny, Sabine (2007). „Aus Gründen der Verständlichkeit…“: Der Einfluss generisch maskuliner und alternativer Personenbezeichnungen auf die kognitive Verarbeitung von Texten.

³ So beispielsweise Kowalski, in NJW 2020, 2229: Die Forderung nach geschlechtergerechter Sprache stehe im Widerspruch zu den gefestigten Eckpfeilern der hermeneutischen Wertungsjurisprudenz und des freiheitlich-demokratischen Menschenbildes.